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"Schulschwänzer werden nicht geboren". Artikel in der DEWEZET vom 06.07.2007
Jugendliche erzählen, warum sie dem Unterricht fern blieben, aber bei pik-ASS noch keine Stunde versäumten
Hameln (ni). "Das müssen Sie sich mal vorstellen: eine Lehrerin, die uns 15-Jährigen Pippi-Langstrumpf-Aufkleber als Belohnung ins Heft geklebt hat. Da kriegt man doch nen Knall." Recht hat Timo. Mit 15 fühlt man sich fast erwachsen, und eine Lehrerin, die glaubt, ihre jugendlichen Schüler mit der Verteilung von Abziehbildchen oder Biene-Maya-Stempeln motivieren zu können, macht sich einfach nur lächerlich. Timos Urteil fällt denn auch vernichtend aus: "Die Frau konnte man nicht ernst nehmen". Drunter und drüber sei es in der Klasse gegangen. Dazu noch der Stress mit den Eltern. Irgendwann hats dem Jungen gereicht: "Du hast Ärger in der Schule, du hast Ärger zuhause dann machst du eben dein eigenes Ding und siehst zu, dass du wenigstens vormittags ein bisschen Spaß hast." Timo begann die Schule zu schwänzen, erst stundenweise, dann tagelang, zum Schluss ließ er sich über mehrere Monate nur noch gelegentlich in der Klasse blicken.
Gleichgülige Lehrer, überforderte Eltern
Timo, Vanessa, Natalie, Kamilo, Liridona und Daniel spielten in ihrer Klasse nur noch eine Gastrolle. Beim Schulschwänzer-Projekt pikASS macht ihnen Lernen plötzlich wieder Spaß. Foto: Wal
Notorische Schulschwänzer sind sie alle, wie sie hier sitzen: Timo und Vanessa, Natalie und Kamilo, Liridona und Daniel. Und irgendwie ähneln sich ihre Karrieren auf fatale Weise. Massive Probleme im Elternhaus, Lehrer ohne klare Linie, Schüler, die im Unterricht über Tisch und Bänke gehen. Das Wort "chaotisch" fällt verdächtig oft in der Runde der Aussteiger, so, als hätten sie sich, wenn in der Familie schon alles aus den Fugen gerät und ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenigstens in ihrer Schule eine feste Ordnung mit eindeutigen Regeln gewünscht. Als hätten sie sich Lehrer gewünscht, aber vermisst, die eben nicht alles laufen lassen und damit demonstrieren, dass ihnen die Schüler im Grunde genommen egal sind, jedenfalls die Unangepassten, die Schwierigen.
"Meine Lehrerin hat vorne ihre Lieblinge um sich geschart und mit denen geredet. Der Rest der Klasse interessierte die überhaupt nicht, und ich war sowieso nur die Schlechte. Ich war für sie Luft", sprudelt es aus Vanessa heraus. Dabei war sie keine schlechte Schülerin, schrieb Zweien und Dreien. Aber sie war aufsässig, auch zuhause, zog mit 16 aus, weil sie sich mit den Eltern nur noch gezofft hat, schlüpfte bei einer Freundin unter. "Das war wie Urlaub, und dann bin ich eben auch nicht mehr zur Schule gegangen", fast ein Jahr lang, mit kleinen Unterbrechungen. Timo, Vanessa und die anderen gehören zu einer Gruppe Schulschwänzer, die jetzt in einem auf sie zugeschnittenen Projekt des Esta-Bildungswerkes betreut werden. Neun Hauptschüler insgesamt, die alle freiwillig dabei sind und begriffen haben: "Das ist unsere letzte Chance." Mit Unterricht täglich von 8 bis 15 Uhr, viel praktischer Arbeit und zehn bis 12 Wochenstunden Unterricht in den Haupt- und Nebenfächern ist der Stundenplan ausgefüllt. Die Frage, ob sie das Projekt schon mal geschwänzt haben, beantwortet die Runde mit einem vielstimmigen, entrüsteten "natürlich nicht". Als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dass man pünktlich erscheint, dabei bleibt und erst bei Schulschluss geht, wenn man sich in der Klasse und bei dem Lehrer gut aufgehoben fühlt. "Hier herrscht eine viel bessere Lernatmosphäre, der Lehrer hat viel mehr Zeit für den einzelnen Schüler", beschreibt Daniel den großen Unterschied zum Klima in der Hauptschulklasse, der er den Rücken kehrte.
Daniel ("Ich hatte viel Streß mit ausländischen Schülern, und irgendwann habe ich zugeschlagen, bevor sie mich anmachen konnten") lungerte rum, klaute und setzte sich auch schon mal provozierend auf die Treppe vor seiner Schule natürlich während des Unterrichts. Als der Schulleiter ihn einmal aufforderte, reinzukommen, "hab ich ihn beleidigt". Für das unbotmäßige Verhalten handelte sich der Junge, der ohnehin schon laufend schwänzte, einen dreimonatigen Schulverweis ein. Das kam ihm gerade recht, jetzt konnte er "sogar mit offizieller Genehmigung wegbleiben".
"Schulschwänzer werden nicht geboren",
sagt Schulleiter Werner Heuer von der Pestalozzischule. "Sie werden gemacht", könnte man aus den Berichten der Schwänzer ergänzen. Selbstverständlich öden nicht alle Lehrer ihre Schüler an, sondern machen viele engagierten Unterricht und interessieren sich für die jungen Leute in ihrer Klasse. Aber genau so wahr ist, dass die Masse der Schüler selbst die langweiligsten Stunden über sich ergehen lässt, bis die Pausenklingel sie erlöst. Notorische Schwänzer sind eine kleine Minderheit im großen Heer der Schülerschaft. Und als Ursache für ihr nonkonformes Verhalten muss vermutlich ein ganzes Bündel problematischer Umstände zusammenkommen. Gleichgültige Lehrer sind offensichtlich einer davon.
Timos Eltern ("Die hatten keine Ahnung, dass ich nicht mehr zur Schule gehe") erhielten irgendwann einen Brief von der Schule. Den hat er selbst beantwortet und sich damit für weitere Monate Ruhe verschafft. Bis der Bußgeldbescheid wegen Verletzung der Schulpflicht ins Haus flatterte. Die Eltern glaubten an einen Irrtum, mussten sich eines Besseren belehren lassen, nahmen den Sohn ins Gebet. Er "machte einen auf Einsicht", und bei seinen gelegentlichen Besuchen im Unterricht Randale, "bis ich rausgeflogen bin". Das konnten sie haben. Die Eltern kapitulierten aber einer von Timos Lehrern ließ nicht locker; gab den Jungen nicht verloren, sondern suchte immer wieder das Gespräch, hielt Kontakt zu den Eltern und überzeugte Timo schließlich, an dem Schulschwänzer-Projekt teilzunehmen.
Die anderen blicken auf ganz ähnliche Erfahrungen zurück und haben für sich das Fazit gezogen: "Die Lehrer waren doch nur froh, dass sie uns los waren." Die Lehrer? Alle Lehrer? "Nein, nicht alle". Sonst machten sie ja nicht mit bei dem Projekt, bei dem "alles ganz anders ist".
Jetzt muss Liridona nicht mehr stören
"Die Atmosphäre hier drückt einen nicht runter", sagt Liridona, die zwar nur selten mal eine Stunde abgehängt, dafür im Unterricht aber auf Durchzug geschaltet und den Mund nur noch aufgemacht hat, um zu stören. "Sonst hätte man mich ja überhaupt nicht mehr wahrgenommen." Stören muss sie jetzt nicht mehr "hier werde ich akzeptiert". Und einige Lehrer sieht Liridona plötzlich mit anderen Augen: "Die haben uns das Projekt angeboten, weil sie uns eine Chance geben wollen." Die kümmern sich, die interessieren sich, "die reden mit uns", "die bemerken uns", "die geben uns Aufmerksamkeit", "die nehmen sich Zeit"
Plötzlich macht Lernen wieder Spaß, packt die Jungen und Mädchen der Ehrgeiz, ihre Versetzung zu schaffen, ist Schwänzen kein Thema mehr. Wäre ja auch ziemlich dämlich, finden sie alle, "wäre ja mein eigenes Leben, das ich mir versaue", sagt Timo. Das Projekt PikASS Erste Stunde Religion, letzte Stunde Sport solche Konstellationen waren auch schon den Großeltern der heutigen Schülergeneration willkommener Anlass, sich hin und wieder eine kleine Auszeit von der Schule zu nehmen. Schule schwänzen in dieser geringen Dosierung hat lange Tradition und höchstens kurze Nebenwirkungen. Aber um dieses Schule schwänzen geht es nicht beim Schulverweigerer-Projekt "PikASS". Der Name steht für " praktisch interessiert & kreativ Aus der Schule in die Schule" und ist Programm. PikASS wendet sich an schulmüde Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7 der drei Hamelner Hauptschulen, die ohne intensive und zusätzliche Betreuung ihren Abschluss nicht erreichen würden. Ziel des Projektes ist die Rückführung der Teilnehmer an ihre Stammschule. Der projektbezogene Unterricht mit enger Verzahnung von Theorie und praktischer Arbeit soll die Einsicht fördern, dass theoretische Grundlagen, wie sie zum Beispiel im Matheunterricht vermittelt werden, hinsichtlich der späteren Berufsausbildung unerlässlich sind. Bei ihrer praktischen Tätigkeit werden die Schüler durch Ausbilder des Esta-Bildungswerkes betreut, Lehrkräfte der Stammschule erteilen wöchentlich zehn bis zwölf Unterrichtsstunden in den Kernfächern. So ist eine Benotung und auch eine Versetzung möglich. Eine Erzieherin und eine Sozialpädagogin vervollständigen das pikASS-Team, ihr Schwerpunkt liegt auf der Hilfe bei persönlichen Fragen und Problemen der Schüler, in der Elternarbeit und in der Entwicklung von Strategien zur Förderung und Stabilisierung der Jugendlichen. Berufspraktika, die den Schülern bei der beruflichen Orientierung helfen sollen, sind Bestandteil des Projektes. Finanziert wird es über die Jugendhilfe des Landkreises Hameln-Pyrmont. Die Stadt Hameln hat ein Startgeld in Höhe von 10000 Euro dazu gegeben. Schulleiter Werner Heuer: Es gibt ein individuelles Problem Hinter jedem Schulschwänzer verbirgt sich ein individuelles Problem", sagt Werner Heuer. Jeder Fall müsse darum auch gesondert betrachtet werden. Der Schulleiter der Pestalozzischule ist stark in dem Projekt pikASS engagiert und macht es sich nicht leicht mit den Jungen und Mädchen, die sich innerlich oder tatsächlich von der regelmäßigen Teilnahme am Unterricht verabschiedet haben. Die ersten Signale wahrnehmen, schnell intervenieren, den Ursachen auf den Grund gehen das müsse Schule, wenn nötig auch mit Hilfe externer Experten, eigentlich leisten. Nicht immer funktioniere das. Und Schule müsse sich zu allererst auch immer fragen: Was können wir tun? Die Antwort klingt einfacher, als sie ist: "Wir müssen uns zwingen, guten Unterricht zu machen" und "ein gutes Schulklima schaffen". Beides könne sowohl dem Entstehen einer ausgeprägten Null-Bock-Haltung als auch aufkeimender Schulangst entgegenwirken. "Schwänzen beginnt vor dem Fernbleiben", sagt Heuer und zählt die Alarmzeichen auf : kleine Unpünktlichkeiten, sichtbares Desinteresse bis hin zur Arbeitsverweigerung. Rechtzeitig intervenieren heißt für ihn: Bei den ersten Signalen klare Regeln mit dem Schüler verabreden und konsequent auf deren Einhaltung achten, "die Schüler ernst nehmen, ihnen Zuwendung und Anerkennung geben". Auch das klappt nicht immer, manchmal allein schon deshalb nicht, weil es den Schulen an der erforderlichen Personalkapazität für diese intensive Erziehungsarbeit fehle, in die auch die Eltern mit eingebunden werden müssten.Damit Schule schwänzen künftig nicht mehr wochen- oder gar monatelang "unentdeckt" bleibt, tirfft die Pestalozzi-Schule eine Abmachung mit den Eltern ihrer Schüle Schüler. Darin ist vereinbart, dass die Eltern im Falle einer Erkrankung des Kindes dies der Schule gleich am ersten Tag telefonisch melden. Die Namen werden in eine Liste eingetragen, anhand derer jeder Klassenlehrer überprüfen muss, ob ein fehlender Schüler krank gemeldet ist. Falls nicht, erfolgt eine Nachfrage bei den Eltern. Eine schriftliche Krankmeldung soll spätestens am dritten Krankheitstag vorliegen. Fehlt ein Schüler dreimal unentschuldigt oder verspätet er sich häufig, werden im Gespräch mit Schüler und Eltern die Gründe ermittelt.
